Montenegro – völlig überwältigend und völlig korrupt

Montenegro – völlig überwältigend und völlig korrupt

“völlig überwältigend und völlig korrupt”, so beschreiben uns unsere Schweizer Camp-Nachbarn Montenegro, als wir nach deren Erfahrungen fragen. Wir sind uns unsicher, ob das Land mit Baby ein zu heißes Pflaster ist. Doch als das ältere Ehepaar im charmanten schweizer Dialekt ins Schwärmen gerät und wir uns einen Tipp nach dem anderen notieren, kribbelt es uns unter den Fingern. Wir wollen da hin!

Ich Hanna, bin eher sicherheitsbedürftig losgefahren und dachte anfangs, dass wir in 8 Wochen wohl maximal 8 nette Campingplätze in Kroatien besuchen würden. Dass wir nach 3 Wochen bereits in den Startlöchern sind, um in ein gefühlt sehr unsicheres Land mit unserem kleinen Würmchen zu reisen, hätte ich nie gedacht! Es fühlt sich ein bisschen wie ein Sprung ins kalte Wasser an als wir eine Woche später in der angekündigten Warteschlange an der Grenze stehen.

3.7.2021 Die Grenze verläuft mit 30 Min Wartezeit relativ schmerzfrei. Da haben wir schon ganz andere Geschichten gehört. Total aufgedreht bestaunen wir die ersten Kilometer wie anders dann doch der Baustil ist und ja, es ist etwas rauher und dreckiger Wir sehen viel Leerstand aber auch verheißungsvolle Bergketten auftauchen.

Und dann BÄÄM, waren wir nicht darauf gefasst, wie sehr uns dieses Land in seinen Bann zieht und uns mitreißt! Vor uns taucht die Bucht von Kotor auf und wir erhaschen in jeder neuen Kurve immer noch gigantischere Aussichten auf den Fjord mit seinen silbernen Bergketten vor dem blauen Wasser und bewaldeten Hängen.

Hingerissen von so viel landschaftlicher Schönheit steuern wir den empfohlenen Campingplatz Naluka an. Der Inhaber spricht deutsch und der Platz kostet 20 Euro. Passt. Das besondere an diesem Platz ist, dass er direkt an einem kleinen Bach aus den Bergen (12 Grad – Eiskalt!) liegt, der 50 Meter weiter ins Meer mündet. So haben wir einerseits eine natürliche Klimaanlage, die die Nächte angenehm kühl macht (endlich mal Temperaturen um die 20 °C Nachts – perfekt zum schlafen!) und wir können mit unserem SUP Board direkt vom Platz auf Touren starten. Dort hängen wir einfach mal ab. Hanna hat Geburtstag und Freddy organisiert Blumen, eine Tischdecke, Kuchen, Kerzen und elektrische Kochplatten! Letzteres ist ein Segen, da uns das Gas ausgegangen ist und wir in ganz Süd Kroatien und Montenegro keine Gas Füllstation finden konnten und eine neue Gasflasche 70 € kosten soll. Jetzt können wir zum Glück auf Strom umsatteln und uns weiterhin selbst versorgen. Passens zu den Kochplatten gibt es ein Banana Pancake Geburtstagsfrühstück!

Die Herausforderung ist allerdings die Hitze. Daher verbringen wir viel Zeit in unserem Camp, wo wir Enno mit dem Sonnensegel plus Baumschatten gut Zeit verbringen, spielen und kuscheln können, ohne dass es anstrengend wird. Ein paar Meter weiter ist ein super Restaurant direkt am Strand und auch hier verbringen wir einen Nachmittag, da es durch die Ventilatoren super angenehm ist.

KOTOR

Dennoch lassen wir es uns nicht nehmen die Bucht zu erkunden. Wir fahren morgens im lokalen Bus 40 Minuten die Küste entlang bis Kotor. Dort angekommen hat Enno erstmal Hunger und so setzen wir uns in ein Café. Danach geht es hoch zur Festung. Eine Stunde brauchen wir, um den steilen Hang entlang von Ruinen, der ehemaligen Festungsmauer und einen immer schöner werdenden Ausblick über die Stadt, zu erklimmen. Freddy bekommt viel Lob anderer Bergsteiger für seine Tapferkeit ein Baby als Zusatzgewicht mit nach oben zu tragen. Oben angekommen knallt dann so langsam die Mittagssonne. Völlig durchgeschwitzt schießen wir ein paar Fotos und machen uns dann schnell an den Abstieg, immer darauf bedacht, dass Enno im Schatten ist.

Den restlichen Tag schlendern wir in der Stadt, gehen Essen und bewundern die alten Gemäuer der “Stadt der Katzen”. Eine nette Einwohnerin erzählt uns, dass es in Kotor Tradition ist, dass alle Einwohner eine Katze haben. Früher, um die Mäuse zu fangen, heute aus nostalgischen Gründen. Auf jeden Fall ist es sehr süß die vielen Katzen durch die Straßen toben zu sehen und die unzähligen Katzen-Souvenir-Shops zu bewundern.

PERAST – MIT SUP BOARD UND BUS

Unser zweiter Ausflug ist ebenfalls ein ganz besonderer und wir sind stolz darauf, dass wir mit Kind eine so tolle Tour machen. Es geht nach Perast am anderen Ende des Fjords – aber auf getrennten Wegen.

Freddy paddelt auf dem SUP Board die 6 Kilometer auf die andere Seite des Fjords, während Hanna plant mit dem Bus die Küste entlang zu fahren. Da der Bus leider nicht kommt und die Hitze in der Sonne an der Bushaltestelle fast unerträglich ist, trampt Hanna kurzerhand mit deutschen Touristen, die mit der kleinen Clara unterwegs sind und erhält nebenbei einige wertvolle Baby-Tipps. Wir freuen uns riesig uns in Perast wieder zu sehen und dass es wirklich geklappt hat!!

Wir schlendern durch die Gassen der kleinen Stadt, in der es nicht so viel zu sehen gibt und die besten Orte die Restaurants am Wasser sind. Also schlemmen wir uns durch die in Montenegro günstige Speisekarte, essen noch ein Eis und dann geht es auf getrennten Wegen zurück. Dieses mal paddelt Hanna mit dem SUP, macht auf der vorgelagerten Insel mit der Kirche halt und kämpft gegen die hohen Wellen der vielen Touristen-Boote. Wer sagt, dass man mit Kind keine Abenteuer mehr erleben kann? Glücklich und ausgepowert lassen wir am Abend die Luft aus dem SUP-Board und machen uns bereit die Zelte abzubrechen. Gerne würden wir weiter die Küste entdecken, doch es gibt ein Problem: Es werden die nächsten Tage deutlich über 40 °C. Zu heiß, finden wir. Daher geht es auf ins Gebirge.

DURMITOR NATIONALPARK – DEM HIMMEL EIN STÜCK NÄHER

Es ist 10 Uhr morgens. Freddy zerrt komplett durchgeschwitzt am Dachkoffer. Die Luft steht. Es sollen 42 Grad werden und jetzt schon ist es nicht auszuhalten. Es fühlt sich daher fast wie eine Flucht an, als wir wenig später glücklich die Klimaanlage voll aufdrehen und uns aufmachen in die Berge. Wir haben viele Berichte über den Durmitor Nationalpark gehört: Ein Bergplateau mit anspruchsvollen Wandertouren zu den Gipfeln, abenteuerliche Straßen und ein Gefühl von echtem Abenteuer.

Auf dem Weg machen wir einen abenteuerlichen Stop am See Jezero Krupak. Den Tipp zu dem Restaurant haben wir in der Park4Night App gefunden. Wir schleichen drei Kilometer über Schotterstraßen und erreichen ein großartiges Restaurant mit Panorama direkt am See. Leider müssen wir dem geräucherten Fisch später mit Kohletabletten und einem Pflaumenschnaps entgegenwirken… Doch zum Glück geht mit unserem Magen alles gut.

Als wir drei Stunden später Zabliak, die Stadt am Durmitor Nationalpark erreichen, sind wir fast enttäuscht. Statt “unentdecktes Land” zu betreten, ist gefühlt jedes zweite Haus ein Touren-Anbieter für Rafting, Wandern oder Quadt Fahrten. Der Campingplatz ist wie ein kleines Festival: Begrüßungsschnaps, tolle Leute, Lagerfeuer und gute Stimmung. Völlig überraschend treffen wir unsere Bekannten aus Hamburg wieder, die wir in Plitwitz kennengelernt haben und die mit ihrer 6-monatigen Tochter Ida unterwegs sind.

Die kommenden Tage werden wundervoll!

Wir machen ausgiebige Wandertouren. Die erste Wanderung geht um den schwarzen See, wo wir uns nur mehr oder weniger erfolgreich mit Ennos Spucktüchern versuchen gegen Moskito- und Bremsenattacken zu verteidigen.

Bei der zweiten Wanderung starten wir früh morgens ins Gebirge zu einem Gletschersee. Es ist ein harter Aufstieg. Die Wege sind schmal und es geht erst durch den Wald und nach dem erreichen der Baumgrenze weiter über Felder. Mücken und Bremsen ärgern uns auch hier dauernd, sodass wir versuchen wenig stehen zu bleiben. Hin und wieder müssen wir aber einfach anhalten, um die atemberaubende Kulisse mit schneebedeckten Gipfeln, die summenden Wiesen und diese unberührte Natur, wie wir sie uns auch so sehr in Deutschland wünschen würden, zu genießen. Am Gletschersee angekommen verschnaufen wir erstmal und genießen unser mitgebrachtes Frühstück während wir unsere Füße im kalten Wasser kühlen. Was für ein morgen!

Wir legen uns ins Zeug, um bis zum frühen Nachmittag zurück zu sein, denn es ist ein großes Gewitter angekündigt. Wir nutzen die Gelegenheit das erste Mal unser Vorzelt aufzubauen und liegen beim Gewitter vergnügt im Bett und blicken staunend nach draußen in die epische Kulisse, auf Hagel, Blitze über den Bergen und freuen uns, dass unsere Sachen alle trocken bleiben.

Wanderungen mit Enno sind weiterhin eine super Sache. Er schläft 1-2 Stunden und wir können uns gut auf seinen Rhythmus einlassen. Ebenfalls funktioniert für uns auch gut, dass wir für das Ende unserer Tour schauen, ob ein Restaurant in der Nähe ist. Wir stellen fest, dass mittags mit Baby essen zu gehen oft viel entspannter ist als abends, da wir nach einer anstrengenden Tour nicht noch ausgepowert essen machen und Enno versorgen müssen. Also erkunden wir auch in Zabliak die Restaurant-Szene und freuen uns an der Nationalen Küche mit großen Salaten und gegrilltem Gemüse.

CORONA KRISE HAUTNAH

Schweren Herzens beschließen wir 4 Tage später aufzubrechen. Zwei Wochen bleiben uns noch bis wir zurück kehren müssen und wir beginnen, die Zeit klarer einzuteilen, um unsere Route zurück gut zu gestalten.

Eine Herausforderung bleibt aber noch: Wir brauchen eine aktuellen Coronatest. Als uns bei Abreise vom Campingplatz erst mitgeteilt wird, dass es nur PCR Tests gibt, die drei Tage dauern, sehen wir schon unseren Zeitplan in Gefahr kommen. Hätten wir uns nur mal früher erkundigt! Wir versuche unser Glück trotzdem und fahren mit Google Maps zum städtischen Krankenhaus. Mist – das Krankenhaus ist doch nicht da, wo es bei Google eingezeichnet ist. Nach mehreren Nachfragen wird uns jedoch versichert, dass es das Haus am Ende der Straße ist, welches wir als Wohnruine identifiziert hatten. OMG, das soll das Krankhaus sein??? Und da sollen wir einen Fuß reinsetzen? Von außen betrachtet hatten wir das Gebäude als stark einsturzgefährdet und unbewohnt eingestuft, bei näherem hinsehen, entdecken wir aber tatsächlich ein kleines Schild, dass auf die Notaufnahme hinweist. Vor Ort versuchen wir uns mit Händen und Füßen nach einem Corona Test zu erkundigen (natürlich sind wir die einzigen die eine Maske tragen) und werden schließlich auf die Rückseite des Hauses geschickt, wo wir nach einigem Suchen tatsächlich eine heruntergekommene nicht ausgeschilderte Tür finden, die nur über ein paar Betonplatten an der Hauswand zu erreichen ist. Hanna klopft an und ruft, bekommt aber keine Antwort. Wir sehen durch das Fenster, dass eine Person mit Tropf im Bett liegt. Nach kurzem Warten betreten wir, zum Glück mit Maske, den Raum und rufen nochmal. Eine Krankenschwester in voller Quarantäne Montur kommt angerast, scheucht uns hinaus und fragt hektisch “Did you touch anything”? Sofort werden unsere Hänge mit Chlor abgeduscht und sie sagt, dass das die Corona Intensivstation sei und die Patientin drinnen positiv ist. Auch das noch!!

Einen Test zu machen ist aber kein Problem, wir sind allerdings die ersten, die diesen in Anspruch nehmen. Fotos von unseren Pässen werden per Whatsapp an den Boss geschickt, der uns das Zertifikat per Mail schicken wird. Super fortschrittlich im Vergleich zu der Bruchbude vor uns. Den Test macht sie auf der Fensterbank und erklärt uns nach einer Minute Wartezeit für negativ.

Wie in Zeitlupe taumeln wir zurück zum Auto. Haben wir das wirklich gerade erlebt?? Wir werfen unsere Masken weg und desinfizieren uns und alle unsere Sachen ausgiebig. Wir fühlen uns plötzlich sehr privilegiert mit unserem deutschen Gesundheitssystem und sind so dankbar, dass es uns gut geht und wir nicht auf ein solches Krankenhaus angewiesen sind! Ja, es ist ein starker Einblick hinter die Kulissen des Tourismus und gleichzeitig wankt unser sicheres Gefühl, dass Enno jederzeit auch auf Reisen gut umsorgt ist. Es gibt natürlich Privatkliniken und trotzdem haben wir den Impuls noch besser auf uns und unser kleines Baby aufzupassen.

DIE PANORAMASTRAßE

Bewegt von den Erlebnissen im Krankenhaus starten wir auf unsere ganz besondere Route nach Bosnien. Wir fahren den nördlichen Ring der Durmitor Panoramastraße. Wohnmobilen wird abgeraten die Straße zu fahren, denn sie ist einspurig und es ist kein Spaß, wenn ein Auto entgegen kommt. Hanna ist skeptisch, doch wir bekommen von Bekannten, die vom Campingplatz aus einen Tag zuvor die Route gefahren sind, tolle Berichte und trauen uns dann doch den Weg zu fahren. 4 Stunden liegen vor uns und wir haben die App izi.travel runtergeladen. Sie nutzt GPS und man bekommt an verschiedenen Punkten auf der Straße erzählt, welche Berge und Orte man sieht oder erfährt viel zu den Bewohnern und zu der Historie. Echt toll gemacht.

Wir legen einen Stop ein und wandern zu einem Aussichtspunkt über den Tara Canyon. Die Landschaft ist so vielseitig und intensiv, dass uns die Pause sehr gut tut und der Weg ist unglaublich schön!

Leider haben wir etwas Zeitdruck, um am Abend noch rechtzeitig über die Grenze nach Bosnien zu kommen, sonst würden wir noch an vielen Orten halten, wandern und staunen. Aber so genießen wir die Aussicht aus dem Auto und fahren zügig weiter Richtung Norden, vorbei an türkisfarbenen Flüssen, riesigen Bergen und durch atemberaubende in den rauen Stein gehauene Naturtunnel.

Schade, dass wir schon wieder weiter müssen. Mit mehr Zeit hätten wir so gerne noch viel mehr des Landes erkundet. Montenegro, wir kommen wieder!

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