Bosnien – Zwischen Einsamkeit und Geschichte hautnah

Bosnien – Zwischen Einsamkeit und Geschichte hautnah

Von Montenegro fahren wir über die Grenze nach Bosnien. Wer den Artikel zu Montenegro gelesen hat weiß, dass wir viel erlebt haben, um einen gültigen Schnelltest zu haben und pünktlich über die Grenze zu kommen. Den Corona-Test müssen wir gar nicht vorzeigen und wir schaffen es als eines der letzten Autos am Abend die abenteuerliche Brücke zu passieren, die die beiden Länder hier trennt.

Hinter der Grenze erwartet uns eine Straße voller Schlaglöcher, teils geteert und teils mit Schotter. Links von uns begleitet uns die Tara, ein Fluss, der hier perfekte Wildwasserbedingungen bietet. Entsprechend reihen sich hier Rafting Anbieter aneinander mit netten Hütten und großzügigen Wiesen. Wir folgen der Empfehlung von Park4Night und steuern einen Rafting Anbieter ganz am Ende eines kleinen Wegs an, der für wenig Geld Stellplätze anbietet. Wir sind die Einzigen Gäste. Die Managerin erklärt uns, dass es der erste Abend seit langem ohne viele Gäste in den kleinen Hütten und dem Camp ist und sie ihr Personal bereits in den Feierabend geschickt hat. Aber das ist uns ganz recht. Wir hüpfen in den Pool und essen zu Abend in den Hängestühlen direkt am Fluss. Enno ist heute sehr entspannt und vielleicht genau wie wir erschöpft von der langen Fahrt durch das Gebirge und den vielen Eindrücken. So gehen wir alle früh ins Bett und freuen uns auf Sarajevo!


 

SARAJEVO

Eine Stadt, die wir nur in Zusammenhang mit dem Jugoslawien Krieg kennen. Wir haben überhaupt keine Vorstellung was uns erwartet! Nach einem schnellen Frühstück, das uns ein netter Typ im Restaurant zubereitet, brechen wir auf. Nach einer Stunde parken wir unser Auto in Sarajevo auf einem bewachten Parkplatz mit einem leicht mulmigen Gefühl, beschließen dann aber dem zwielichtig aussehenden Guard unser Auto anzuvertrauen und ziehen los!

Sarajevo wirkt zuerst wie eine biedere Stadt mit Einkaufszentren, teuren Cocktaibars davor und eher tristen Gebäuden. Doch je mehr wir uns der Altstadt nähern, wandelt sich das Bild. Enno in der Trage ist ganz zufrieden und schaut sich vergnügt um. Ihm scheinen die 35 Grad am wenigsten zu stören. Auch hier nutzen wir die App izi.Travel, die uns spannenden Dingen über die Gebäude erzählt. Ein bisschen Gänsehaut bekommen wir, als wir auf den zweiten Blick überall Einschusslöcher entdecken. Der Krieg ist zeitlich so weit weg und örtlich noch so nah.

Richtig begeistert sind wir von der Kaffeekultur und der Mischung aus hippen Cafés und der orientalisch angehauchten Altstadt, die einen ziemlich authentischen Bazar und viele verwinkelte Shisha Bars in Innenhöfen von Bäumen überdacht hat.

Wir schlemmen uns durch die lokalen Delikatessen und essen zum krönenden Abschluss ein großes Eis, bevor es am Nachmittag weiter in die Berge geht.  In jedem Fall war Sarajevo einen Besuch wert und nächstes Mal bleiben wir hier über Nacht, um das Flair am Abend zu genießen!

IN DEN BERGEN

Wir fahren in ein einsames Bergdorf bei Umoljani, um etwas abseits der Route in das Land einzutauchen. Den Tipp haben wir von einer netten Familie bekommen, die dort eine Weile “hängen geblieben” sind. Rames und seine Frau haben ein kleines Restaurant und eine Wiese mit Platz für 3-4 Campervans. Es ist so weit ab vom Schuss, dass wir uns wirklich fragen, welche Gäste sich hierher verirren.

Gleichzeitig mit uns kommen zwei volle Mini-Busse mit einer muslimischen Großfamilie an. Die Frauen sind alle voll verschleiert und es wird anscheinend um Preise und Bestellungen gefeilscht, weil die ganze Gruppe nach kurzer Zeit wieder einsteigt. Die Schaukel ist leider kaputt gegangen, weil sich zu viele Leute draufgesetzt hatten. Freddy unser Handwerker packt spontan direkt mit an. Er uns Rames reparieren die Schaukel geschickt und wir kommen ins Gespräch. Auf deutsch! Denn viele Bosnier, wie auch Rames, haben während des Krieges eine Zeit in Deutschland verbracht.

Das Ehepaar baut selbst Gemüse an und wir bewundern die liebevoll gepflegten Beete und am Abend bereitet uns Rames Frau eine riesige Platte Burek zu. Das ist ein Gericht aus gefülltem Blätterteig, den sie für uns in Schnecken gerollt und mit Spinat und Käse füllt. Papp satt kullern wir abends in den Bus.

Am nächsten Morgen wachen wir von einem krachen auf. Eine Windböe aus dem Nichts hat die Markise erfasst, hoch gehoben und beim Sturz zurück ist ein Gelenk gebrochen. So beginnt unser Tag mit einer Bastelaktion und wir bekommen eine improvisierte Halterung hin, sodass wir die Markise zum Glück erstmal weiter nutzen können. Enno spielt währenddessen auf der Krabbeldecke. Er kann sich inzwischen gut mit sich selbst beschäftigen und sich in sein Spiel vertiefen. Allerdings bleibt es für ihn wichtig, dass einer von uns nah bei ihm bleibt. Daher teilen wir uns auf, Hanna hat heute Zeit mit Enno zu toben und Freddy kümmert sich um Frühstück.

Danach starten wir zu einer Wanderung. Es ist heiß!!! Unsere Ambitionen eine Tagestour zu machen, schwinden mit jedem Höhenmeter. Auch gut so, denn die größeren Runden sind mit kleinen Kletterpartien verbunden erzählt uns ein Guide, den wir auf Tour mit einer Kanadischen herzlichen Frau auf dem Weg kennenlernen.

Die Kanadierin freut sich, uns als junge Eltern mit Baby in der Trage zu sehen. Sie hätte das mit ihren drei Kindern auch so gemacht. Wir erzählen ihr, dass wir manchmal nicht sicher sind, ob es so gut ist den ganzen Tag mit Enno in der Trage unterwegs zu sein. Lachend winkt sie ab und “schenkt” uns eine Metapher, die wir seither immer ranziehen: “He`s in a limousine”!

Was für eine wunderbare Beschreibung. Es erdet uns uns vorzustellen, dass Enno in der Trage einen so hohen Komfort hat und wir freuen uns jetzt eine so positive Konnotation zu haben.

Der Wanderweg führt durch Felder, kleine Trampelpfade und ohne GPS wären wir hoffnungslos verloren! Aber immerhin stolpern wir in den Dreh einer mittelalterlichen Serie, für die wir einen kleinen Umweg gehen.

REISEGESTALTUNG

Direkt weiter, wir haben doch schon alles gesehen! Oder einfach mal ein Tag Pause? Wie viele Tage haben wir noch bis wir zurück sein müssen und was verpassen wir, wenn wir bleiben?

Es folgt eine lange Diskussion, die zeigt, dass wir wieder mal mitten im Reisefieber sind. Immer wieder müssen wir neu justieren worauf wir unseren Fokus legen. Bosnien ist wahnsinnig spannend, wir wollen noch ein paar Tage ans Meer in Kroatien, aber auch ganz entspannt unterwegs sein. Wie lösen wir all die vielen Wünsche?

Am Ende siegt die Entschleunigung. Einfach mal einen Tag nix tun klingt sehr verlockend, auch wenn er uns am Ende in unserer Rückreise fehlen wird.

MOSTAR

Es zieht sich wie ein Roter Faden durch unsere Reise: Es ist heiß!

Am Mittag kommen wir auf dem Campingplatz in Mostar an, die Grillen zirpen, die Luft flimmert, das Gras ist gelb und die Erde staubig. Es fühlt sich so an, als ob wir keinen einzigen Schritt machen können und auch der nette Host rät uns erst nach einer ausgiebigen Siesta in die Stadt zu fahren. Also wird die Picknickdecke ausgebreitet und wir machen einen Mittagschlaf. Naja, wir versuchen zwischen Ennos mehreren kurzen Power-Naps die Augen zu schließen.

Gegen 16 Uhr bestellen wir ein Taxi und fahren die 5km lange Strecke für umgerechnet 2 Euro ins Zentrum.

Im der Innenstadt purzeln wir direkt in eine orientalische Welt voller kleiner Steingassen und bunten Straßenstände, die Shishas, Töpferkunst und Lampen anbieten. Wow, wir sind begeistert und essen erst mal ein Eis, um aus dem Café die Stadt auf uns wirken zu lassen. Enno ist total gut drauf und wir spielen mit dem Gedanken den Abend hier zu verbringen und freuen uns riesig über diese Aussicht.

Doch erstmal machen wir eine Free Walking Tour. Die beste die wir jemals gemacht haben. Adin ist unser Guide und das besondere ist, dass er als Zeitzeuge die Kriegsgeschichte miterlebt hat. Er zeigt uns Fotos von sich mit Kalaschnikow unterm Arm auf der berühmten Mostar Brücke. Wir beginnen zu verstehen wie gespalten Mostar heute noch ist. Die bosnischen und kroatischen Bosnier, die damals erst gemeinsam gegen die Serben und dann gegeneinander um die eigene Stadt gekämpft haben, sind auch heute noch gespalten. Einige haben auch jetzt, 30 Jahre später, keinen Fuß mehr in den anderen Stadtteil gesetzt und der Geschichtsunterricht findet immer noch getrennt statt. Wir erfahren, dass die mutigen Jungs, die von der 30 Meter hohen Mostar Brücke springen, ca. 60 Euro pro Sprung von den Touristen sammeln und das ihr Einkommen ist. Die Sprünge sind wirklich gefährlich und sehr beeindruckend!

Überall begegnen uns Menschen mit einem “Guten Tag” auf deutsch und erzählen stolz, dass sie ein paar Jahre in Deutschland gelebt haben. “Aus Deutschland bist du”? Fragt uns Adi, der Bar Besitzer am späten Nachmittag strahlend. “Hasan Salihamidzic war auf meiner Schule”! Der gute Hasan Salihamidzic begegnet uns noch mehrmals und seine Landsleute sind sehr stolz, dass ein Junge aus der Stadt ein so erfolgreicher Fußballer und jetzt Bayern Funktionär geworden ist. Adi erzählt uns außerdem, dass er in München gearbeitet hat und jetzt froh ist wieder zurück in seiner Heimat zu sein. Bosnien erlebt er als aufstrebendes Land und ist stolz den Aufschwung zu sein, auch wenn die Wunden aus dem Krieg noch spürbar sind, findet er.

Am Abend schläft Enno selig in der Trage und wir gönnen uns ein Festessen in einem wundervollen Restaurant mit Blick auf den Fluss. Gegen Mitternacht ist es schwer ein Taxi zu finden und wir sind froh als wir endlich im Bett liegen!

Aber wir haben noch nicht genug, denn Mostar fasziniert uns unglaublich. Also pilgern wir am nächsten Tag nochmal in die Stadt, schlendern durch die Gassen und – natürlich – schlemmen so viel wir können. Noch ein Burek für den Weg und am Nachmittag düsen wir schweren Herzens aber voller Vorfreude weiter Richtung Meer.

AUTOFAHRT MIT BABY

Gemütlich nach Kroatien fahren klingt entspannt? Ist es nicht! Denn Enno hat eine Abneigung gegen Autofahren entwickelt. Plötzlich ist der Job des Autofahrers viel attraktiver und wir reißen uns fast darum zu fahren, anstatt hinten zu sitzen und das Feuerwerk an Animation auszupacken, das von Clown Spielen, über Singen, Kitzeln bis zu allen greifbaren Spielzeugen reicht. Wir geben zu, dass wir Enno auch mal aus dem Sitz nehmen mussten und zack, hört das Schreien direkt auf. Na toll. Wir sind frustriert, unter Zeitdruck und ratlos.

Aber auch hier entwickeln wir einen Plan. Für die nächsten Strecken werden wir besser planen und abends fahren, wenn Enno schläft. Immer flexibel bleiben

Unser Fazit:

Bosnien ist ein total kraftvolles Land voller Geschichte, Zerrissenheit und Schönheit mitten in der Aufbruchstimmung. Die Hitze war auch hier wieder ein zentraler Faktor unserer Reise und dennoch konnten wir die wenigen Stops voll genießen. Wir haben Selbstvertrauen gewonnen als Eltern und fühlen uns inzwischen gut damit zu bewerten was mit Baby geht und wo wir Abstriche machen. Dennoch war Bosnien ein Land, das uns getrieben hat vor Neugier möglichst viel aufzusaugen. Dieses Kribbeln im Bauch, wenn wir unterwegs sind werden wir wohl immer behalten und das ist gut so! Enno darf uns authentisch erleben und das ist ein befreiendes Gefühl.

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