Zwischen Zwiebelkuchen und Weltschmerz

Zwischen Zwiebelkuchen und Weltschmerz

Heute gibt es einen sehr persönlichen Erfahrungsbericht von Hanna. Es geht um das Mama-Sein und wie es den Blick auf die Welt verändert. Vor allem geht es aber darum, wie sehr starke Gefühle einen Einblick gewähren und zeigen was uns im Leben wirklich wichtig ist.

Wenn auch in dir manchmal ein/e kleine/r WeltverbessererIn steckt, dann leg los. Lass dich mitreißen von der transformierenden Kraft deiner Emotionen!

Ich sitze hier am Wasser im Café. Alle Leute reden für mein Gefühl viel zu laut. Die Wortfetzen sind so banal und drehen sind um Wanderrouten, Restaurants und alltägliches. Sie überlagern meine Gedanken und auch die Quietsch-Laute meines kleinen Sohns, der auf meinem Schoß turnt und die Welt erkundet. Ich schaue ihm gerührt zu und bekomme ein beklemmendes Gefühl. Wie können alle hier so im Tourismus-Alltag plätschern, wenn wir auf den Klimawandel zurasen? Wir soll ich diesem kleinen arglosen Wesen erklären, dass wir dem ganzen Wahnsinn einfach tatenlos zugesehen haben?

Empört euch! Heißt das Buch von Stéphane Hessel und genau das tue ich jetzt aus vollem Herzen. Meine Gefühle reißen mich mit und ich kann nicht anders als mir Luft zu machen.

Angefangen hat mein Stimmungstief mit einem Zwiebelkuchen, den ich ausgehungert in der sächsischen Schweiz bestellt habe. Ich mag es nicht, wenn Leute sagen: Ach, du bist Vegetarierin! Ich BIN Hanna, alles andere ist eine Haltung und Entscheidung. Mir ist es wichtig kein Fleisch zu konsumieren. Das macht mich aber nicht zur Projektionsfläche für eine Schublade oder Zielscheibe für blöde Witze (“Ich würde mich ja freuen, wenn dein Gemüse fliegen kann, dann könnte ich es besser abschießen.” Haha!). Und ja, ich esse nicht zum Spaß vegetarisch, sondern weil ich es für das Klima, die Umwelt und die Tiere echt nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann.

Normalerweise überfliege ich unbewusst bereits den Großteil von Speisekarten und finde immer tolle Gerichte, sodass es mir oft gar nicht auffällt, wie fleisch-lastig viele Küchen noch sind. Nicht hier in Sachsen. Selbst Salate und Suppen sind ausnahmslos mit Fleisch. Das einzige Gericht ohne Fleisch ist ein Zwiebelkuchen.

Doch als er gebracht wird, startet meine Krise: Ich hab Hunger verdammt nochmal und dieser Zwiebelkuchen ist mit Speck durchtränkt! Ich rede mich vor Freddy in Rage. Es muss doch inzwischen überall angekommen sein, wie furchtbar Schweine von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zum frühen Tod ihr Leben verbringen, oft ohne sich bewegen zu können. Sie sehen ihre Babys mit offenen Wunden leiden und sterben unter Stress, vollgepumpt mit Antibiotika! Meine Mama-Hormone lassen mich in Rage kommen. In diesem Moment kann ich uns Menschen nicht verstehen.

Unsere Kinder werden uns noch vorwerfen, dass wir diesen Zustand einfach hingenommen haben. “Weil es uns halt schmeckt”.

Fleischkonsum ist ein krasser Treiber für den Klimawandel und beeinflusst unsere Welt stark. Hier ein paar Fakten:

(*Fakten zu kennen, habe ich nach meiner “Krise” als ein Handlungsfeld definiert, um aktiv zu werden. Daher hier schlaue Infos:)

  • Eine Kuh braucht richtig viel Weidefläche für Futter und Kuhdung. 450000 km/2 Regenwald wurden allein für die Viehzucht in Brasilien abgeholzt. (Faszination Regenwald). Das ist eine größere Fläche als Deutschland und Österreich zusammen haben.
  • Fleischesser haben ein höheres Risiko für Herzkrankheiten und Diabetes (WHO)
  • Jedes Jahr werden über 1000 Tonnen Antibiotika verfüttert. Dadurch ist Antibiotika sogar bereits im Trinkwasser zu finden und es gibt immer mehr resistente Keime. (Petazwei)
  • Ferkel liegen mit offenen Wunden neben ihren Müttern, die sich nicht bewegen können. Manno Julia Klöckner (Landwirtschaftsministerin CDU). Dass du das Gesetz, um die Bedingungen für Tiere und Bauern erträglicher zu machen verzögert hast, ist echt noch schlimmer als deine Werbung für Nestlé.

In diesem düsteren Moment spinnen sich meine Gedanken immer größer: Können wir Menschen wirklich aus purer Ignoranz, Bequemlichkeit und Genuss verantworten, die Welt und andere Lebewesen so auszubeuten? Warum gibt es keinen Aufstand?

Ich atme durch. Weltschmerz nennt man dieses Gefühl wohl.

OK, auch ich bin viel geflogen und besitze ein Auto, sage ich mir und fühle mich ein bisschen unfair und gleichzeitig so ohnmächtig mit meinem Wunsch nach einer besseren Welt für meinen kleinen Turner vor mir. Ich denke an Maja Göpel. Sie ist Zukunftsforscherin und beschäftigt sich als Professorin damit, unter welchen Bedingungen wir Menschen bereit sind, etwas zu verändern. Ihr ist klar, dass wir ganz schnell als Gesellschaft viel gewohntes verändern müssen, damit unsere Welt nicht in einen noch schlimmeren Strudel an Dürren, Fluten und Katastrophen gerät. Sie sieht täglich, wie langsam die Dinge voran gehen und behält dabei eine so positive Haltung und Gelassenheit. Wie kann ihr das nur gelingen?

KANN ICH WAS BEWEGEN?

Es gibt viele Menschen, die überzeugt sind, dass nur die Politik einen richtigen Hebel hat Dinge zu verändern. Weiter Plastiktüten nutzen, Billigfleisch essen, beim Discounter Instant Produkte kaufen sei OK, weil man als Einzelner ja sowieso keinen Unterschied macht. NEIN! Ich bin überzeugt, dass jeder Beitrag etwas bringt. Woher kommt es, dass Aldi Regale mit unverpackter Ware aufbaut und es immer mehr Bio Produkte mit weniger Pestiziden gibt? Doch nicht, weil die Supermärkte ethisch aufgewacht sind. Vielmehr ist es jede einzelne Kaufentscheidung, die Unternehmen dazu bringt sich zu bewegen. Und die Kunden, das sind wir alle! Jeder Kauf macht einen Unterschied!

Etwas beruhigter verlasse ich mein Café. Gut, dass wir am nächsten Tag weiter fahren. Raus aus dem fleischlastigen Sachsen. Ich hoffe, dass ich damit auch wieder ein bisschen Frieden mit mir und meinen Mitmenschen finde. Doch aufgewühlt bin ich irgendwie immer noch. Und erneut rollt die ganze Wut wieder heran und ich kann nichts dagegen tun:

JETZT AUCH NOCH BRAUNKOHLE

Freddy hat erstaunt festgestellt, dass die Fläche des Braunkohleabbaus hier in der Lausitz so groß ist, dass man die Tagebauflächen sogar auf einem Satellitenbild von ganz Deutschland erkennen kann. Es gibt einen Aussichtspunkt auf dem Weg und wir fahren hin. Das was wir sehen, treibt mir die Tränen in die Augen. Bis an den Horizont ist die Erde aufgebaggert. Riesige Maschinen dröhnen in der Ferne. Schicke Schautafeln feiern das ganze Versagen der Menschheit, so denke ich mir.  Zwei lokale Rentner mit Ferngläsern erklären uns begeistert was da alles passiert und was sie danach bei der Renaturierung alles bekommen werden. Sogar einen Park für Skateboards.

Und ja, die renaturierte Landschaft sieht traumhaft aus. Am Abend campen wir an einem der neu entstandenen Seen. Doch die Idylle trügt. Das Wasser ist so sauer wie Essig und 10x am Tag muss ein Boot Tonnen an Kalk reinkippen, das von einer Pumpe non-stop umgewälzt wird, damit der See nicht umkippt. Das Land ist dahin, von uns Menschen zerstört für bescheuerte Braunkohle. Dabei ist sie für 22% der CO2 Emissionen verantwortlich und in keinem anderen Land wird so viel davon gefördert wie die 171 Mio. Tonnen in Deutschland. Selbst in Russland (73 Mio. Tonnen) oder China (140 Mio. Tonnen) nicht.

Die Rentner allerdings finden, dass es die einzige vernünftige Energie ist. “Die Annalena (Bearbock) will den Energieschalter direkt umschalten”, erzählen sie uns. Als Elektriker wüssten sie allerdings, dass es dann einen Blackout geben wird und wir alle keinen Strom mehr haben und im Chaos versinken  werden. Sie haben eine riesige Angst vor den Grünen. So richtig können wir hier aber auch nichts ausrichten. Danke an Freddy an diesem Abend. Ohne einen positiven Gegenpol wäre ich an diesem Abend vermutlich geplatzt vor Ratlosigkeit.

AKZEPTANZ

Wie lernt man Akzeptanz, frage ich mich? Herzöffner beim Yoga verbinden mich vielleicht wieder mehr mit meiner Umwelt. Ein Fokus auf das Positive, Dankbarkeit für alles Gute und der Glaube daran, dass jeder Mensch so gut handelt er kann, können meine Ansätze sein. “Innerlich weich werden”, sagt Maja Göpel dazu und sie rät immer wieder einen neuen Ansatz auszuprobieren. Doch nicht heute. Noch nicht. Zu vieles wühlt mich auf. Als Mensch und als Mama.

Ein innerer Anteil möchte weiter rebellieren, etwas tun, irgendwas! Kann es mir ausreichen selbst so zu leben, wie ich es für angemessen halte und alles andere um mich herum geschehen zu lassen? Nein, das kann ich nicht, sagt mein Herz.

WIE MAMA SEIN DIE SICHT AUF DIE WELT VERÄNDERT

“Nach mir die Sinnflut”, hätte ich vielleicht als letzten Ausweg aus meinem Frust gedacht. Doch das geht jetzt nicht mehr, wie mir schmerzhaft bewusst wird. Ich will das Beste für meinen kleinen Knirps und ich weiß, dass ich heute handeln muss, damit seine Welt morgen noch lebenswert ist. Mein Beitrag, mein ganz AKTIVER Beitrag wird mir gerade so klar wie nie zuvor.

Ich schäme mich für dafür, wie wir uns ein Wirtschaftssystem aufgebaut haben, das so wenig Platz für Nachhaltigkeit lässt. Gewinnmaximierung steht im Kapitalismus über dem  Wohl von Mensch und Natur. Die Natur und Menschen werden unbarmherzig ausgebeutet  und wir leben wissentlich auf Kredit zukünftiger Generationen. Das ist einfach nicht fair. Ich schäme mich, Teil des Systems und Genießerin darin zu sein. Ich empfinde den Drang über mich hinauszuwachsen und nicht nur eine passive Konsumentin im System zu sein. Ich möchte es verändern. Für die Welt. Für Enno.

DAS EIGENE WARUM ERKENNEN

Was die letzten Tage passiert ist, empfinde ich nicht mehr als blanken Frust auf das Außen. Vielmehr merke ich, dass mir meine Gefühle einen Einblick nach INNEN geschenkt haben. Der Drang etwas zu tun hat meine Werte und Wünsche offenbart und mir gezeigt, was mir für die Welt wichtig ist. Ich habe meinen Purpose gespürt, mein inneres Warum, das mich antreibt.

Ich gewinne mir ein Lächeln ab. Jetzt kann die Arbeit beginnen:

Dass der eigene Purpose, (auch Lebenssinn oder Warum genannt) das Fundament ist, um das eigene Leben zu gestalten, habe ich in den letzten Jahren eindrucksvoll für mich erfahren. Das Thema hat mich so sehr mitgerissen, dass ich eine Ausbildung zum “Life Purpose Coach” gemacht, beruflich einiges auf die Beine gestellt und mich sehr tief mit meinem Beitrag zur Welt auseinandergesetzt habe. Und trotzdem haben mich meine Emotionen so kalt erwischt!

Wow, bin ich gerade dankbar so viele Methoden und Techniken zu kennen, um zu erarbeiten WAS UND WIE ich die Themen angehen möchte. Ich kläre, wie viel ich akzeptiere und wann ich unbequem sein möchte. Es tut mir gut Prinzipien zu entwickeln, und einen Plan zu haben wie ich aktiv werden kann. Mein Umfeld soll mehr Resonanz von mir spüren. Ich will mit Zahlen argumentieren und vieles mehr! Ich werden damit beginnen einen Blogartikel über meine Erlebnisse zu schreiben und ich werde weiter Menschen helfen an ihrem Purpose zu arbeiten, denn ich glaube auch weiterhin daran, dass wir alle das Gute wollen und mein Beitrag dazu kann sein, Angebote zu schaffen.

Aus meiner Ohnmacht ist ein Plan entstanden.

Es geht mir besser und ich mache mich auf den Heimweg. Nur für mich, mit neuer Hoffnung und Dankbarkeit meinem Purpose ein Stück näher gekommen zu sein.

2 Gedanken zu „Zwischen Zwiebelkuchen und Weltschmerz

  1. Liebe Hanna,
    Ich sitze hier zu Tränen gerührt auf unserem Balkon, Noah schläft gerade und ich bin mit jeder einzelnen Faser meines Seins bei und mit dir und deinem Text… auch meine Gedanken überschlagen sich, zwar nicht zum ersten Mal, aber mal wieder sehr bewusst. Aber auch wenn noch so viel Arbeit vor uns liegt und man so oft so seh r ohnmächtig ist und der Berg einfach zu groß zum erklimmen scheint. Wir sind nicht allein! Großartige Gedanken und vielen Dank fürs teilhaben. Deine Stephi

    1. Liebe Stephi, vielen Dank für deine Nachricht. Ich freue mich sehr, dass du diesen Wunsch etwas Gutes in die Welt zu bringen mit mir teilst und dein Feedback gibt mir direkt gute Energie weiter für eine bessere Welt zu kämpfen. Danke!

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