Auf den Spuren unserer Vorfahren in Polen

Auf den Spuren unserer Vorfahren in Polen

So richtig umgehauen hat uns auf unserer Reise durch Polen die polnische Geschichte! Sie hat uns auf unserer Reise wie ein roter Faden begleitet. 

Auf diesem Teil der Reise, spielt die Geschichte sogar eine ganz besondere Rolle, denn wir wandeln auf den Spuren unserer Vorfahren.

Angefangen hat es, als wir in Krojanke ankommen, dem Ort, der uns für die nächste Woche als Ausgangspunkt für viele Ausflüge in die Vergangenheit von Freddys Familie dienen wird. Als wir in den Ort fahren ruft Jule: Das Haus ist es! Sie war mit 7 Jahren bereits hier und hat das Haus direkt wiedererkannt, in dem ihre (und natürlich auch Freddys) Oma geboren wurde. Ein Gänsehaut Moment. 

Wir steigen aus und drehen eine Runde. Es ist alles etwas heruntergekommen, aber noch bewohnt. Dass dieser Ort einmal Deutschland und das Zuhause unserer Großeltern war, wird uns hier so richtig bewusst. Wie schlimm und schicksalshaft es gewesen sein muss das alles zu verlassen! 

Mit diesem Gefühl von Ehrfurcht und bepackt mit einem dicken Ordner über die Herkunft, wichtige Orte und Erinnerungen der Familie, fahren wir dann direkt weiter zum Campingplatz. Es ist ein riesiges Outdoor Camp für Gruppen, das eine Wiese für Camper bereitstellt. Auf dem weitläufigen Gelände sind wir die einzigen Gäste. Eine Gruppe Pfadfinder wuselt vorne durcheinander und der Sohn des Hauses stolziert in Camouflage Montur um sie herum. Abends ist eine christliche Messe für die 12-14 jährigen Kinder. Uns kommt es sehr merkwürdig vor, aber hier scheint Religion ein wichtiger Teil der Scouts zu sein. 

Wir verbringen jedoch nicht viel Zeit hier in der Idylle. Nach einem abenteuerlichen Spaziergang am Abend, der etwas ausufert und uns erst kurz vor der Dunkelheit nach Hause führt, kochen wir ausgiebig und gehen früh schlafen. Am nächsten Morgen kommen Freddys Eltern aus Bremen und wollen mit uns gemeinsam die Ursprünge der Familie erkunden. Freddys Mutter war schon einige Male hier und wir erfahren einiges über ihre turbulente Fahrt hierher vor 20 Jahren.

Stop 1: Krojanke

Wie am Tag zuvor besichtigen wir das Haus, in dem Freddys Oma geboren wurde. Es scheint vermietet zu sein und wir schauen uns nur den Innenhof an. Danach gehen wir ausgiebig Mittagessen und haben so eine schöne gemeinsame Zeit, um zu plaudern und uns entspannt auszutauschen.

Stop 2:  Der Bahnhof 

Weiter geht es nach Zakrzewo. Dort war Freddys Uropa bei der Bahn beschäftigt und lebte in einem der drei Klinker-Häuser am Rand des Ortes. Es ist ein süßer Ort und stündlich hält hier ein Zug. Freddys Mama Bärbel findet das Haus direkt wieder und kommt mit den Bewohnern ins Gespräch. Sie haben das Anwesen für schlappe 10.000 Euro vor kurzem gekauft und liebevoll renoviert. Sie freuen sich über die Bilder von vor 100 Jahren, die wir dabei haben und erzählen uns ein bisschen. 

Während Bärbel und Freddy noch versuchen eine ältere Nachbarin nach den Vorfahren zu befragen, machen Jule, Freddys Papa und Hanna eine kleine Wanderung. Wir finden Zeit und Muße für gute Gespräche und Freddys Papa erzählt spannende Geschichten aus seiner Jugend und wir schwelgen in tollen Reise-Erinnerungen.

Abends gibt es, wie könnte es anders sein, wieder gutes Essen! Wir stoßen auf Bärbels Geburtstag in einem tollen  Restaurant in Flatow an. Auch Enno isst inzwischen fleißig mit und bearbeitet hingebungsvoll ein Stück Brot. Doch für das Baby sind es eher anstrengende Tage, die sehr vom Rhythmus der Gruppe bestimmt sind. Er läuft mit, hat aber wenig Raum für entspannte Spielezeit. Das merken wir vor allem am nächsten Tag. 

Stop 3 Jastrowie

Nach einer unruhigen Nacht sind wir am nächsten Morgen in Jastrowie angekommen. Jule hat uns zum Glück morgens wieder mit gutem Kaffee versorgt und so sind wir zumindest halbwegs Fit für das heutige Programm. Wir machen eine kleine Erkundungstour durch den Ort, in dem sich Freddys Vorfahren immer wieder aufgehalten haben und entdecken einen tollen Second Hand Laden, der viele Kinderklamotten hat. Super, endlich bekommt Enno wieder größere Strampler!

Danach gibt’s Mittagessen. Wir haben ein im Internet super bewertetes Restaurant gefunden. Es stellt sich heraus, dass wir statt einem schnellen Mittagssnack hier riesige Portionen bekommen und der Laden so beliebt ist, dass wir ewig auf unser Essen warten. Enno hat allerdings überhaupt keine Lust mehr auf dem Schoß zu spielen. Er will schlafen, oder sich bewegen und auf jeden Fall braucht er gerade unsere ganze Aufmerksamkeit. Da er fremdelt, können auch Oma und Opa nicht aushelfen und so essen wir Eltern in Etappen. Außerdem achten wir mehr darauf, dass Enno Zeit zum strampeln bekommt und beim Wickeln bauen wir ab jetzt immer großzügig Zeit zum Spielen ein.

Nach dem Essen brauchen wir alle etwas Bewegung. Auf dem Weg haben wir eine spannende Brücke entdeckt, die ein echtes Highlight der Region ist. Im Krieg hat Deutschland die Brücke gesprengt, um die Bahn für die Russen unbrauchbar zu machen. Die Brücke hat sich einmal umgedreht und ist verkehrtherum über Fluss hängen geblieben. Ein beeindruckender Anblick! Wir genießen den Wald und gehen noch ein paar Kilometer weiter auf Entdeckungstour. 

Doch der Tag ist noch nicht zu Ende. Wir wollen noch nach Pila, der nächstgrößeren Stadt etwas südlich. Freddys Papa hat dort eine Überraschung für uns. Er hat recherchiert, dass es ein Freilichtmuseum der Bahn geben soll und da wir auf den Spuren des Bahn-Ur-Ur-Opas sind, ist das doch sehr passend. Der Weg dorthin führt am Fluß entlang und wird immer abenteuerlicherer. Es stellt sich heraus, dass das “Museum” die Gebäude hinter dem Bahnhof sind. Sie sind etwas zerfallen und sehen sehr spannend aus! Ein paar Kinder sind im großen Depot auf Entdeckungstour. Wir trauen uns nicht, durch die morschen Türen einzusteigen und am Ende mit Opa und Baby von der Polizei erwischt zu werden. Aber auch von außen sieht es imposant aus. 

Danach, wie sollte es anders sein, geht es wieder ums Essen. Leider ist es schon spät und die Polen sind ein sehr frühes Volk beim Abendessen. So landen wir bei Pommes und Steak in der Sportsbar und stoßen (außer Hanna) mit einem Wodka auf unsere wunderschönen gemeinsamen Urlaubstage an. 

Mir wird das rührende Bild in Erinnerung bleiben, wie Freddys Eltern anschließend innig Arm in Arm zum Hotel gehen, während wir mit dem Auto Richtung Camp aufbrechen.

Am nächsten Morgen heißt es Abschied nehmen. Nicht nur von Freddys Eltern, sondern auch von unserer liebsten Reisebegleiterin Jule. Wir frühstücken großzügig mit Eiern, Brötchen Obstsalat und vielen Aufstrichen bei uns vor dem Bus, packen anschließend alles zusammen und los geht es. Wir winken dem Auto hinterher bevor wir wieder zu dritt weiterziehen. Es geht nach Danzig!

TEIL 2: Hannas Vorfahren in den Masuren

Nach Danzig nehmen wir wieder die Route unserer Vorfahren auf.

Dieses Mal geht es nach Zywki. Dort hat Hannas Oma mit ihren Eltern und drei Geschwistern gelebt bis sie mit 13 Jahren 1944 über Kiel nach Osnabrück geflohen ist. Ihr Elternhaus und das des Onkels wollen wir finden. Es wird eine lustige Entdeckungsreise, da unsere Infos aus einer Beschreibung aus Giselas Gedächtnis von vor 73 Jahren und ebenso alten Bildern bestehen. Doch wir sind erfolgreich. Das Haus des Onkels ist heute ein Ferienhaus uns auf dem ehemaligen Hof von Hannas Oma öffnet uns eine Frau im Jogginganzug mit Staubsauger in der Hand. Sie lacht, als sie unsere Geschichte hört und erlaubt uns Fotos zu machen. Plaudern will sie nicht.

Wir nehmen uns Zeit für die Gegend. Die Masuren sind wie die Mecklenburger Seenplatte, nur imposanter. Wir haben einen Stellplatz auf einem urigen Hof gefunden. Der kauzige Eigentümer Bartechs, der perfekt deutsch spricht, hat den Platz selbst gebaut. Abends gibt es immer ein Lagerfeuer und zu seinem Geburtstag gibt er allen Campern Fisch und selbst geschossen und verarbeitete Fleisch-Spezialitäten aus. Es sind lustige Abende mit viel Lachen und guten Gesprächen. Auch das Gelände ist richtig cool. In einer offenen Hütte hat er eine Küche gebaut, wo die Gäste bei schlechtem Wetter Kartoffelpuffer machen können, denn alles steht dazu bereit. 

In dieser Woche wandern wir durch die Gegend und machen viele Ausflüge mit dem Auto. Das heißt auch, dass wir morgens immer viel packen und räumen, bevor wir startklar sind. “Die großen Orte sind voller Segler und grausigem Tourismus”, hatte Bartechs uns gewarnt. Er legt großen Wert auf die Natur, fragt uns, warum wir überhaupt in eine Stadt wollen. Das fragen wir uns auch manchmal und die Diskussion wie wir leben wollen bestimmt unsere Unterhaltungen an diesem Tag.

Kraft tanken am Bulli-Fenster

Hier zu wandern, zu erkunden und Kaffee zu trinken, ist so alltäglich. Kaum vorstellbar, dass das hier alles Deutschland war und die Orte neu besiedelt wurden, neue Menschen ihre Heimat gefunden haben und nach einem so riesigen Umbruch alles stabil und normal ist.

 

DIE WOLFSCHANZE

Am Ende des Stopps erleben wir noch ein Highlight. Wir erfahren, dass Hitlers ehemaliges Hauptquartier nur 15 Minuten entfernt liegt. Allerdings staunen wir nicht schlecht über den Massentourismus, die vielen Busse voller Reisegruppen und Schulklassen und das riesige Areal. Die Besichtigung geht unter die Haut und ist wirklich bedrückend. Überall Bunker. Es muss furchtbar gewesen sein hier seine Zeit zu verbringen und wie krank war die Nazi-Welt und wie schlimm muss Krieg sein, dass man sich sowas antut!

Einige Bunker liegen in Trümmern. Es brauchte 800 Tonnen Sprengstoff der Russen, um sie zu knacken. Wirklich imposant! Außerdem war die Geschichte von Graf Staufenberg und sein versuchtes Attentat auf Hitler groß beschrieben und der Raum wurde sogar mit allen Anwesenden als Pappfiguren nachgestellt. Den Film dazu haben wir später in Warschau gesehen.

Es waren zwei sehr persönliche und emotionale Stationen unserer Reise.  Vermutlich wären wir hier nie hingekommen, wenn wir nicht so viel Zeit gehabt hätten. Wir sind dankbar diesen Teil unserer Geschichte kennengelernt zu haben.

FAZIT

Wenn wir im Nachhinein über die Polenreise sprechen, hat die Zeit auch immer etwas düsteres und schweres an sich. Es ist nicht nur das kühlere Wetter und der bedeckte Himmel. Auch die Geschichte, die so eng mit uns persönlich verbunden ist, trägt ihren Teil dazu bei. In anderen Ländern betrachten wir Kriege, Schicksale und Kultur eher mit der Brille von außen. Wir nehmen Anteil, haben ansonsten aber eine natürliche Distanz zu den Geschehnissen. Das ist hier in Polen anders. Alles scheint hier hautnah UNSERE Geschichte zu sein und es ist vielleicht ein bisschen das Gefühl der deutschen Schuld am Leid dieser Menschen und auch die Anteilnahme an den Schicksalen unserer Vorfahren, die alles verloren haben. Dieses “Alles”, haben wir hier zum ersten Mal real gesehen und können es besser begreifen. 

Parallel sind wir hier auf Elternzeit, quasi unserem Familien-Honneymoon. Der Alltag mit Baby ist immer da. Auch in der Wolfschanze wird Enno gestillt, gewickelt, weint mal oder schaut einem Hund nach. Wir nehmen uns ausgiebig Zeit für ein langes Frühstück, Kuschel-Zeit und feuern Enno bei seinen Krabbelversuchen an. Doch das wird hier auch ein bisschen überlagert von diesem Größeren, diesem unsichtbaren Teil aus längst vergangener Zeit, der uns hier einnimmt und unsere Seele berührt.

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